Pädagogisches Konzept
„Ganzheitliche Wege e.V."Coswiger Str.7
06886 Wittenberg
Unser pädagogisches Konzept einer Schule
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Grundlagen unseres pädagogischen Ansatzes
2.1. Warum wir eine freie Schule initiieren wollen
2.2. Wie wir den Menschen sehen
3. Der pädagogische Ansatz
3.1. Die Begleitung der Kinder
3.2. Die angemessene vorbereitete Umgebung
3.3. Die begleitenden Erwachsenen in der vorbereiteten Umgebung
3.4. Bewertung
3.5. Moral, Grenzen und Recht
4. Beschreibung der Lernbereiche
4.1. Raum
4.2. Zeit
5. Formen des Lernens
5.1. Spiel
5.2. Nachahmung
5.3. Erfahrung
5.4. Verständnis und Wissen
5.5. Die Lebensprozesse als Grundlage des Lernens
6. Der Mensch und seine Möglichkeiten
6.1. Die Entfaltung des menschlichen Potentials
6.2. Der selbstbewußte Mensch
6.3. Konsequenzen der Pädagogik
7. Konsequenzen für die Pädagogik
7.1. Die Gemeinschaft
7.2. Regeln und ihre Einhaltung
7.3. Der Tag des Kindes in unserer Einrichtung
7.4. Das Essen
7.5. Die Eltern
7.6. Die Schule in der Region
8. Nach der Schule
8.1. Perspektiven
8.2. Individuelle Wege ins „Erwachsenenleben"
9. Wer kann unseren Kindergarten / unsere Schule besuchen?
10. Finanzen
Literaturempfehlungen
1. Eine Einleitung
„Jeder junge Mensch hat ohne Rücksicht auf seine Herkunft und wirtschaftliche Lage das Recht auf eine seine Begabung und seine Fähigkeiten fördernde Erziehung und Ausbildung"
Verfassungsrecht Art. 25 Abs.1
Jeder Mensch ist ein eigenständiges, einmaliges Wesen. Jeder hat andere Anlagen, Talente, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Jeder hat verschiedene Handlungsantriebe und einen verschiedenartigen Weg vor sich.
Ein Mensch, der mit Zwang etwas erlernen muß, braucht ein Vielfaches an Aufwand, Zeit und Energie. Auf ein Kind trifft dies ganz besonders zu.
Jedes Lernen geschieht durch eine natürliche Neugier. Jedes Lebewesen bringt diese Neugier mit. Jedes Kind ist auf ganz natürliche Art bestrebt, sich erfolgreich mit seiner Umwelt in Wechselwirkung zu begeben. Lernen erfolgt spielerisch, selbsttätig, mit Freude und spontan. Nichts ist für ein Kind wichtiger und auch schöner als zu lernen.
Alle unsere kleinen Kinder freuen sich darauf, bald in die Schule gehen zu können. Ihre Augen leuchten voller Vorfreude darüber, daß sie bald noch mehr lernen dürfen.
Leider verschwindet dieses Leuchten oft sehr schnell wieder. Vielleicht können Sie sich ja noch an ihre eigene Schulzeit erinnern. Stundenlang diszipliniert auf einem Stuhl zu sitzen, kannte man als Kind vordem nicht. Da gab es nur spielerisches Lernen, Freude und freier Ausdruck. Gelernt wurde in rasanter Geschwindigkeit.
Etwas an unserem Schulsystem kann also nicht den Bedürfnissen der Kinder entsprechen, denn wir unterrichten unsere Kinder heute 10 Jahre und länger, oft ohne wirklich zufriedenstellende Ergebnisse.
Wenn wir es schaffen, das Lernen wieder kindgerecht zu machen, wenn wir den Kindern eine Umgebung bieten, die ihren Bedürfnissen und Entwicklungsanforderungen entspricht, dann wird das Leuchten in ihren Augen nicht verschwinden. Jeder Tag kann dann angefüllt sein mit freudigem Lernen. Wo Freude ist, da ist auch leichtes, spielerisches und erfolgreiches Lernen und daraus folgernd auch Leistung.
Nur wenn wir dem Kind individuell sein Tempo lassen, seine Wünsche respektieren und seine Persönlichkeit achten, nur dann können wir es optimal unterstützen, sich zu einem selbstbestimmten und starken Erwachsenen zu entwickeln.
Wir möchten die Kinder dort abholen, wo sie sich befinden. Wir wollen ihnen eine Begleitung sein auf ihrem Weg, mit ihnen Hand in Hand vorwärtsschreiten ohne zu ziehen und zu zerren und ohne viel Druck auszuüben.
Wir wollen da sein, wenn wir gebraucht werden, mit unserer Liebe, unserem Verständnis, Wissen und unserem Vertrauen in die Selbstregulationskräfte und die natürliche Neugier des Kindes.
So sind wir Erwachsenen als erstes also dazu aufgefordert, uns so klein zu machen, daß wir mit den Kinderaugen sehen lernen, denn nur so können wir dem Kind die Lust am Lernen als ein Grundbedürfnis erhalten.
2. Die Grundlagen unseres pädagogischen Ansatzes
Wir leben heute in einer Zeit, in der sich das Wissen der Menschheit explosionsartig vervielfältigt. Eine auf den Kopf gestellte Pyramide stellt ein gutes Analogon für unseren jeweiligen (Welt)wissensstand dar. Je mehr wir wissen, desto mehr wissen wir, dass wir nichts wissen.
Angesichts dieser Tatsache kann es unseres Erachtens keine größere Aufgabe für eine Schule geben, als den heranwachsenden Menschen zu ermöglichen das Lernen zu lernen. Dies ist nötig, um sich auf die immer schneller voranschreitende Entwicklung und die daraus folgenden, ständig neuen Anforderungen einstellen zu können.
Wie wir dies ermöglichen wollen und dabei vor allem die Persönlichkeit des Kindes in seiner Eigenheit achten und bewahren wollen, soll im Folgenden dargestellt werden.
2.1. Warum eine freie Schule
„Das einzige Kriterium der Pädagogik ist die Freiheit, die einzige Methode ist die Erfahrung."
(L. Tolstoi)
Wir wollen Kindern einen Raum geben, in dem sie sich so entwickeln können wie es ihnen entspricht.
Die beabsichtigte freie Schule und der Kindergarten sollen dabei nach folgenden Grundsätzen arbeiten.
Wie schon erwähnt, vertrauen wir grundsätzlich in das Bedürfnis des Menschen, sich zu entwickeln, zu wachsen und zu reifen. Es ist ein Kennzeichen allen Lebens.
Diese Lebensprozesse möglichst ganzheitlich zu ermöglichen ist unser Wunsch. Es erscheint uns unmöglich, bestimmte Aspekte der Persönlichkeit des Kindes gesondert zu betrachten. Wir wollen uns dem Kinde nähern, es in seiner Eigenheit verstehen und ihm dann die für ihn günstigsten Bedingungen schaffen. Bedingungen, die es dem Kind gestatten es selbst zu sein. Niemand kann zu wirklicher Größe gelangen, wenn er nicht er selbst sein kann.
„Sie (unsere Arbeit) ist mit der Arbeit des Bauern vergleichbar in dem Sinne, daß wir auch einfach nur den Boden vorbereiten. Der Samen ist bereits da. Und wenn wir den entsprechenden Boden gewählt haben und ihn auch entsprechend pflegen und die wachsenden Pflanzen vor Unkraut oder giftigen Einflüssen der Umwelt schützen, dann können wir als Bauer sehr sicher sein, daß der Samen auch die entsprechenden Früchte tragen wird. Ich glaube, es würde sicher keinen Bauern einfallen, dem Samen zu sagen, was er zu tun hat, wann er Wurzeln schlagen müßte, wann er irgendwie mit dem Stammwachstum anfangen sollte, wie viele Blätter er wachsen lassen sollte oder sogar zu bestimmen, was für Früchte dieser Samen jetzt tragen sollte und zu welcher Zeit."
(M. Wild /FORUM Winter 1994/95/ Seite 4)
In diesem Sinne ist unser Umgang mit den Menschen von Respekt für die Lebensprozesse geprägt.
Allerorts verlangt die Politik das eigene Engagement ihrer Bürger. Überall wird eine „Bildungsmisere" beklagt, werden neue Wege gefordert. Diesem Aufruf wollen wir gern Folge leisten. Mit dem folgenden Konzept werden ganzheitliche Wege aufgezeigt, die den Forderungen der heutigen Zeit angemessen Rechnung tragen.
2.2. Wie wir den Menschen sehen
Jeder Mensch ist für uns ein aktives, selbstbestimmtes und soziales Wesen.
Er verändert sich selbst und seine Umwelt ständig, wobei er den Mittelpunkt seiner sich stetig ändernden Erfahrungswelt einnimmt. Die Quellen seiner Aktivität sind dabei seine Bedürfnisse und die Tendenz, seine individuellen Erfahrungen zu aktualisieren.
Der Mensch trägt ein großes Potential an Möglichkeiten in sich, zu deren Entfaltung nur die entsprechenden Voraussetzungen (der fruchtbare Boden) geschaffen werden müssen.
Die Selbstbestimmtheit des Menschen ist eine zentrale Notwendigkeit zum Reifungs- und Wachstumsprozess der Persönlichkeit hin zur Selbstverwirklichung.
In dieser sich rasant verändernden Welt können sich Menschen nur ohne Schwierigkeiten anpassen, wenn sie gelernt haben sich selbstverantwortlich ständig weiter zu bilden, wenn sie eigenverantwortlich denken und handeln erlernt haben und wenn sie motiviert sind, dies auch aus eigenem Antrieb zu tun. Dies geht aber nur, wenn sie sie selbst bleiben können, wenn ihre natürliche Neugier erhalten bleibt und die Freude am Lernen nicht verlorengegangen ist.
Das Grundbedürfnis des Menschen, sich frei zu entwickeln, gilt es deshalb zu stärken.
Jeder Mensch kennt sich selbst am besten. Es gilt einfach nur seine Neigungen und Fähigkeiten frühzeitig zu erkennen und zu fördern.
Selbstbestimmtes Lernen ermöglicht in effektivster Weise Persönlichkeitsbildung und Wissensaneignung.
„Wüchsen die Kinder in der Art fort, wie sie sich andeuten, so hätten wir lauter Genies."
(J. W. Goethe)
Nur wenn Kinder selbstbestimmt handeln können, nur wenn sie mit Liebe und Respekt behandelt werden, nur dann können sie sie selbst sein. Nur unter dieser Voraussetzung können wir Genies schaffen, die das Lernen gelernt haben, deren Drang nach Wissen bis ins hohe Alter erhalten bleibt und die mit einem wertvollen Charakter eine Bereicherung für die Gesellschaft sind.
Niemand kann zu wirklicher Größe gelangen, wenn er nicht er selbst sein kann.
Dieses Sein des Menschen kann nur in seiner Ganzheit betrachtet werden. Dazu gehören die wahrgenommene und erlebte Vergangenheit, aber auch die momentane Gedanken- und Gefühlswelt spielt eine Rolle. Des weiteren spielen temporäre Bedürfnisse und die erlernten Verhaltensweisen eine große Rolle. Dieses eigene Sein kennt wohl jeder Mensch selbst am besten, demzufolge ist er auch selbst am besten in der Lage, seine momentanen Bedürfnisse auszudrücken und sein Verhalten zu verstehen, wenn ihm die Mittel des Selbstverständnisses gegeben wurden.
3. Der pädagogische Ansatz
3.1 Die Begleitung der Kinder
Allerorts, in der Gesellschaft als Ganzes als auch beim Individuum, erkennen wir existentielle Schwierigkeiten. Beim Einzelnen treten diese Schwierigkeiten in Form von fehlenden Verbindungen zu sich selbst, als auch im Verlust von sozialem Engagement auf. Unsere Gesellschaft „züchtet" in Massen egoistisch denkende Menschen heran, die nicht mehr in der Lage sind, wirkliche soziale Verantwortung zu übernehmen. Unterscheidungsfähigkeit für die Wirklichkeiten des Lebens und ethisches Verhalten kann nicht aus Büchern gelernt werden, sondern kann nur durch eigene gelebte Erfahrung gewonnen werden. Allerorts begegnen uns heute gewalttätige Kinder und auch Jugendliche. Es sind Aufschreie und Hilferufe, Schreie nach Verständnis und Liebe. Es ist eine Auswirkung der Gewalt, die wir ihnen antun.
Das Gefühl, ohne Vorbehalte angenommen und respektiert zu werden, erleben Kinder heute kaum noch. Die Leistungsgesellschaft als gefühllose Verstandeswelt löst im Kind völlig zu Recht Rebellion aus. Wir dressierten Erwachsenen projizieren unsere Welt in die Welt des Kindes und erwarten, daß unsere Kinder schon wie Erwachsene denken und handeln sollen. Sie sollen sich still in diese Leistungsgesellschaft einfügen und nach Erwachsenennormen lernen. Ein Kind lernt aber auf andere Art. Es lernt selbsttätig, spontan, selbstmotiviert. Es sucht sich ganz allein sein Lernfeld aus, dessen es am nötigsten bedarf. Nur so ist Authentizität der Person im Handeln, Fühlen und Denken gegeben. Nur so kann es Defizite ausgleichen. Dabei angenommen, verstanden und unterstützt zu werden, ohne die Lernaufgabe abgenommen zu bekommen, ist die Basis für sein eigenes Lernen. Dieses Lernen ist auf Erfahrung basierend.
Die Begleitung leistet nichts mehr oder weniger, als den sicheren Rahmen für eigene gelebte Lernerfahrung zu gewährleisten. Jederzeit hat das Kind das Gefühl, angenommen zu sein und in seiner Eigenheit respektiert und unterstützt zu werden.
Dieses Gefühl vermittelt dem Kind Sicherheit und Geborgenheit, ein Gefühl welches es für eigenen und dabei wahrhaftigen Ich-Ausdruck benötigt. Ohne dieses Gefühl entsteht schnell das Gieren nach Aufmerksamkeit oder nach Belohnung/Bestrafung. Es entstehen Scheinpersönlichkeiten, die nicht mehr das ursprüngliche Kind sind, sondern verhaltensgestörte Masken, die wir heute unter den Bezeichnungen Autismus, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) oder auch Hyperaktivität kennen. Überlebensstrategien treten in den Vordergrund, eine Anpassung an eine feindliche Umwelt. Seine echte Wesensart ist verlorengegangen.
Unsere Begleiter stellen also den sicheren Rahmen zur Verfügung. Sie sind da, wenn sie angesprochen werden. Sie prägen dem Kind jedoch nicht ihre Denk-, Gefühls- und Verhaltensweisen auf. Daraus entsteht spürbares Vertrauen als eine Grundlage für Liebesfähigkeit.
Unzählige Reformpädagogen verlangen seit Jahrzehnten eine Veränderung der Arbeit und des Seins eines Lehrers vom Erzieher zum Begleiter.
Ein wirklich guter Begleiter lebt sein Wissen selbst vor. Kinder nehmen sich Vor-Bilder als Modell ihrer eigenen momentanen Selbstentwicklungsaufgabe. Viele heutige Lehrer sind für Kinder nicht authentisch, da sie Wissen und Ethik nicht vorleben. Man kann nicht Kindern etwas über gesunde Ernährungs- und Lebensweise vermitteln, wenn man dieses Wissen nicht selbst lebt. Was wäre das Wort eines rauchenden und erheblich übergewichtigen Lehrers wohl wert? Könnte das Kind von ihm wirklich Lerninhalte über gesunde Lebensweise annehmen?
Wohl kaum. So ist es an uns, Lehrer für unsere Kinder auszuwählen, die auch dementsprechende „Vor-Bilder" sind, die ihren Beruf als eine verantwortungsvolle Berufung sehen.
Diese Lehrer verstehen sich selbst als Vorbild und Begleiter. Sie arbeiten selbst an der weiteren Entwicklung ihres Charakters. Sie lernen selbst Vieles von den Kindern. Dies verstehen wir unter Begleitung.
Die Begleiter sind aber nicht nur Lehrer, sondern zudem auch Psychologen, Therapeuten und Seelsorger in einer Person. Ein Kind, welches familiäre oder emotionale Probleme hat, kann nicht wirklich effektiv lernen. Sein Fokus liegt in erster Linie auf der Bewältigung seiner primären Schwierigkeiten. Auch hier sind die Begleiter Bezugsperson. Spielerisch arbeitet der Begleiter mit dem Kind an der Bewältigung der in der Bedürfnishierarchie an vorderer Stelle stehenden Probleme. Zudem kann er auf Wunsch mit dem familiären Umfeld des Kindes arbeiten und helfend zur Seite stehen. So findet das Kind ein homogenes Umfeld, sowohl in der Einrichtung als auch zu Hause.
3.2 Die angemessene vorbereitete Umgebung
Eine der kindlichen Entwicklung angepaßte und „vorbereitete Umgebung" ist die Grundlage unserer pädagogischen Arbeit (Der Begriff geht auf Maria Montessori zurück).
Ein Kind erfährt seine Umwelt grundsätzlich mit allen Sinnen. Dadurch erhält es ganzheitliche Erkenntniserfahrungen, die zu einem wahren Verständnis der Umwelt und des eigenen Selbst führen können. Erst dadurch erhält das Kind die Möglichkeit, sich in der Welt zurechtzufinden.
In einem weißgestrichenen und begrenzten Raum und dadurch, daß mit einem Buch Lernstoff vermittelt wird, werden die Sinne des Kindes in beständiger Deprivation gehalten. Es kann zu keinem wirklichen Verständnis kommen, da gerade das Kleinkind fast ausschließlich auf diese Art lernt. Wenn keine sinnliche Erfahrung hinter dem Lernen steht, findet Anpassung statt, und mit Hilfe des Musters von Belohnung/Bestrafung definiert sich nun das heranwachsende Kind immer mehr mit seiner Scheinpersönlichkeit. Auswendig Gelerntes wird schnell wieder vergessen. Es wird nicht mehr gelernt, weil es Sinn und Wert hat, sondern weil das Kind nach Belohnung giert und die Bestrafung fürchtet. Nicht mehr der Wunsch nach Selbsterfahrung und Anpassung an eine sichere Welt sind nun die Triebfeder des Lernens, sondern Erwachsenennormen und stigmatisierende Benotung (Belohnung/Bestrafung). Ein wertvoller Teil des Menschen kann so verloren gehen. Er kann nicht integriert werden. Vor allem ist das Kind ständig angespannt, denn die Maske muß beständig aufrechtgehalten werden, das wahre Ich muß unter Verschluß gehalten werden, was beständig viel Energie kostet.
So kann ein Weg, den der Kindergarten/die Schule gehen sollte, nur dahin führen, daß mit Liebe, Respekt und uneingeschränkter Akzeptanz, die ganzheitliche Entwicklung des Kindes gefördert wird.
Was hat dies nun mit einer vorbereiteten Umgebung zu tun?
Eine Umgebung in diesem Sinne soll dem Kind ermöglichen, in seiner Erfahrung der eigenen Bedürfnisse eine Antwort zu finden, ihm eine Möglichkeit bieten, diese Bedürfnisse zu befriedigen.
Es soll nicht darum gehen, ihm alle Möglichkeiten der Welt zu eröffnen und es damit zu überfluten. Wie könnte es sich da noch eigenverantwortlich entscheiden? Es geht darum, eine seinem Alter, seinen Bedürfnissen und Anlagen jeweils angemessene Umgebung zu bieten, die gleichzeitig zur Entdeckung lockt. Alle Sinne des Kindes werden hier ganzheitlich angesprochen.
„Auf jeder Lebensstufe drückt sich in jedem Organismus der Entwicklungsplan in solchen Bedürfnissen aus, die zu seiner Erfüllung drängen. Die Art der Bedürfnisse verändert sich von Etappe zu Etappe, doch stehen sie immer in direkter Wechselwirkung zur Umgebung: Der Organismus arbeitet die Instrumente aus, mit denen er auf seine Umwelt einwirkt und die Umwelt wirkt so auf den Organismus ein, daß er sich dadurch verwandelt, seine Instrumente entwickelt und verfeinert. Diese dynamische Wechselwirkung zwischen Innen und Außen ist die Grundbedingung für jede Entwicklung und jede echte Handlung. Entbehrt die Umgebung in den Wachstumsjahren die notwendigen Elemente, so kann der innere Plan nicht zu seiner vollen Erfüllung gelangen."
(R. Wild)
Der Erwachsene ist Gestalter dieser vorbereiteten Umgebung. Er wirkt durch Beobachtung aktualisierend auf die Umgebung ein, jedoch nicht direkt auf das Kind.
Ich schnitt schon kurz die Bedürfnishierarchie an. Sie wird verständlich bei folgender willkürlicher Aufzählung:
- Das Bedürfnis nach Atemluft
- Das Bedürfnis nach Nahrung
- Das Bedürfnis nach Sicherheit
- Das Bedürfnis nach Zuwendung, emotionaler Wärme und Liebe
- Das Bedürfnis nach Beschäftigung mit mathematischen Problemen
Die Sichtweise für die jeweils individuelle Bedürfnishierarchie wird hiervon allerdings nicht berührt, sie ist im individuellen Menschen selbst verankert und besitzt als wichtigstes Merkmal die Aktualität.
Unter gewissen Möglichkeiten, die ich bereits oben schon kurz anführte, entwickelt ein Mensch und ein Kind im ganz Besonderen Bedürfnisse, die nicht mehr authentisch sind. Sie sind eine Antwort auf unbefriedigte echte Bedürfnisse. Im Verlauf der „Normalisierung" ist das Kind dann in der Lage, echte Bedürfnisse adäquat auszudrücken, da die Gefahr schmerzhafter Ablehnung verschwunden ist. Die Anzahl der Umwege und des „Maskenverhaltens" nimmt somit beständig ab, und das Kind kann zu einer echten integeren Persönlichkeit heranwachsen, die ganzheitlich denkt, empfindet und auch selbstlos handelt.
Ist diese vorbereitete Umgebung so gestaltet, daß sich eine den Entwicklungsprozessen angemessene Umgebung darstellt, kann sich jedes Kind darin so frei bewegen, daß es sich optimal entwickeln kann.
Jedes Kind hat das natürliche Bedürfnis sich zu entwickeln! Es ist ihm ein Grundbedürfnis, wenn auch seine basalen Bedürfnisse befriedigt sind.
Eine vorbereitete Umgebung hilft als allererstes das eigenständige Lernen zu lernen. Das, was den Menschen auszeichnet, ist seine Fähigkeit zu denken und nicht sein Wissen. Wissen ändert sich im Laufe der Zeit. Es kann nach Bedarf angepaßt werden. Sicher ist es in der Welt unerläßlich ein gewisses Wissen zu haben um sich zurechtzufinden, aber das Wissen allein ist oft nicht ausreichend. Es bedarf der Fähigkeit, sein Wissen selbst zu aktualisieren und den äußeren Gegebenheiten anzupassen.
In der Wachstumsphase des Kindes lernt es immer mehr seine Welt zu erweitern. Die angemessene sichere Umgebung bildet die Basis für eine angstfreie Selbstentdeckung der immer größer werdenden Welt. Die vorbereitete Umgebung bietet eine Art Schutzraum und auch eine Rückzugsmöglichkeit, um das Gelernte und Erfahrene zu integrieren. Erst wenn das Wissen integriert ist, ist der Organismus wieder bereit sich neuen Inhalten zu widmen. Findet diese Integration nicht statt, verliert sich das Wissen wieder.
Die vorbereitete Umgebung hilft dem Kind, seine Umgebung zu strukturieren. Es erkennt, daß es hier sicher ist, daß von den Dingen keine Gefahren ausgehen. Die Erwachsenen gestalten die Umgebung, die Kinder gestalten ihr Leben. Sie lernen dabei, eigene Schlüsse zu ziehen. Dies ist die Grundlage jeder individuellen Kreativität.
Am Beispiel der Kreativität erkennen wir, wie sehr doch die meisten Menschen gefangen sind in den vermittelten Schlußfolgerungen. Warum können so wenig Menschen eigenständig kreativ sein? Warum können nur so wenig Menschen ihre eigenen gewohnten Denkmuster verlassen? Vielleicht, weil es nicht ihre eigenen sind? Ist ihnen Beobachtungsgabe, Leichtigkeit und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten verloren gegangen, weil sie sich selbst nie entdeckt haben?
Die vorbereitete Umgebung bietet diese Entdeckungsreise an. Hier können und dürfen Fehler gemacht werden, hier kann ohne Druck von Außen mit Hilfe von Versuch und Irrtum selbst erfahren werden. Hier ist das Fehler-Machen ungefährlich und es kann daraus gelernt werden.
Kein Kind wird sich hier vergleichen und sich für dumm halten, wenn es etwas nicht gleich schafft. Es hat lediglich seine Grenze erfahren und wird, wenn die Motivation für seine Handlungen von innen kam, sich dem Problem von einer anderen Seite annähern und es lösen wollen und können. Minderwertigkeitsgefühle werden nicht entstehen, wenn auf diese Art gelernt wird.
Werden die Fehler dann von selbst als solche erkannt, können neue Erklärungen gesucht und gefunden werden. Neue Versuche werden angestellt um es nun zu schaffen. Einfach nur um des Lernen willens, nicht um sich selbst oder anderen etwas beweisen zu wollen, aus dem Vergleich zu anderen und den eigenen Minderwertigkeitsgefühlen heraus und auch nicht auf Grund von Belohnung/Bestrafung durch eine Benotung.
Hier besteht kein emotionaler Leistungsdruck, werden keine Charakterschäden und auch kein „Fassadenverhalten" erzeugt. Entwicklung ist kein „Alles oder Nichts", sondern ein schrittweiser Prozeß, angepaßt an den jeweiligen Entwicklungsstand. Es wird gelernt was erfaßbar, verarbeitbar und bedeutungsvoll ist.
Die vorbereitete Umgebung stellt keine Lösungen bereit. Sie bietet Aufgaben an, die zu eigenen Lösungen führen. Lösungen, die vom Konkreten zu immer abstrakterem Denken führen.
Dabei macht das Kind in jeder Entwicklungsstufe seine "Fehler". Diese "Fehler" sind oft nur Fehler aus unserer Sicht, weil sie mit dem von uns erwarteten Ergebnis nicht übereinstimmen. Das Kind probiert jedoch einfach verschiedene Modelle aus. Diese „Fehler" sind in der Gedanken- und Empfindungswelt des Kindes aber durchaus logisch und plausibel. Es sind Spiele des Lernens. Bewahren wir das Kind vor diesen ungefährlichen Fehlern, können sie ihre Grenzen nicht erfahren und verlernen selbst nach Lösungen zu suchen. Zudem untergraben wir die Entwicklung ihrer Intelligenz. Das Kind verbleibt auf dem momentanen Entwicklungsniveau. Kein Wunder also, daß man bei komplexen und schwierigen Problemen nach oberflächlichen Problemstrategien greift, so unsicher fühlt man sich in formaler Logik.
Die vorbereitete Umgebung hilft dem Kind gefahrlos, aber nicht reaktionslos, eine Annäherung an eine komplexe Umwelt zu ermöglichen.
Dies kann jedoch nur gelingen, wenn die Umgebung angemessene Herausforderungen bietet und sie authentisch ist. Unsere Ansprüche an die zur Verfügung stehenden Materialien sind aus diesem Grunde sehr hoch.
Innere Probleme müssen sich im Äußeren darstellen und erfahren lassen, dies ist die Aufgabe einer vorbereiteten Umgebung. Dies stellt eine enorme Herausforderung dar, sowohl an die Gestaltung der Räume als auch an die begleitenden Erwachsenen. Es müssen sich reale Lernprozesse abspielen können, es müssen reale Antworten auf reale Fragen gefunden werden können, sonst ist die Umgebung nicht angemessen und vorbereitet.
Diese Umgebung darf nicht künstlich sein, ist sie doch Teil der Lebenswelt des Kindes. Das Kind kann in ihr tätig sein, wenn es das Bedürfnis dazu hat. Nicht die Uhr bestimmt die Dauer einer Lektion, sondern das Aufnahmevermögen, die Stimmung des Kindes und seine Persönlichkeitsstruktur. Die Umgebung selbst ist nicht stark strukturiert. Sie besitzt eine Vielzahl an Stätten, die unendlich viele Möglichkeiten der angemessenen Erfahrung erlauben. Hier kann mit Hilfe von schöpferischem Spiel ein reichhaltiger Erfahrungsschatz aufgebaut werden. Erfahren wird mit allen Sinnen, in rasanter Geschwindigkeit. Leben ist Lernen und Lernen ist Leben. Lernen kann man nicht fordern, man kann es nur ermöglichen oder verhindern. Gefordertes Lernen braucht ein Vielfaches an Energie und Zeit. Spiel und Freude sind die besten Motoren für ein schnelles Lernen.
3.3 Die begleitenden Erwachsenen in der vorbereiteten Umgebung
Begleiter und Lehrer an einer solchen Schule zu sein, ist eine enorme Herausforderung. Die Aufgabe des Erwachsenen ist es, dem Kind passives Vorbild und Wegbegleiter zu sein. Respekt- und liebevoll hat er die Eigenheit des Kindes zu achten. Er benötigt einen selbstlosen, gefestigten Charakter, muß gelernt haben behutsam zu sein, offen für Neues und benötigt eine gute Beobachtungsgabe. Seine Aufgabe ist es, bei Bedarf da zu sein, auch wenn es nicht ausgesprochen wurde, ohne sich dabei aufzudrängen. Sensibilität und Feingefühl sind dabei wichtige Grundeigenschaften.
Natürlich wird auch der Erwachsene „Fehler" machen, kann verletzt werden, sich unsicher oder überfordert fühlen. Auch er wird seine Grenzen erfahren, wird sich selbst in Frage stellen. All dies gehört dazu.
Es gilt jedoch Ehrlichkeit, Offenheit und Vertrauen zu bewahren. Nur kritikfähige Menschen können Hilfe zur Selbstentwicklung annehmen, arbeiten beständig an sich selbst. So schreitet auch der Erwachsene weiter auf seinem Weg. Er lernt an den Kindern, so wie die Kinder an ihm lernen. Es ist auch ein Geschenk für die eigene Selbstentwicklung, hier Lehrer sein zu dürfen.
Dieses Lernen bedarf jedoch einer ständigen Reflexion mit anderen Erwachsenen. Es bedarf der Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit. Geht der Erwachsene nicht diesen Weg, kann er den Kindern gegenüber keine Vorbildrolle einnehmen. Er könnte in seiner eigenen Unkenntnis nicht Beschützer und Begleiter sein. Er könnte die erlernten Masken im Anderen nicht erkennen, wenn er selbst noch seine trägt.
Kein Begleiter benötigt motivationspsychologische Tricks, um das Kind zum Lernen zu bewegen. Er sollte jedoch gelernt haben, die Gründe für eine im Kind eventuell existierende ablehnende Lernhaltung zu erkennen und Ursachen aufzudecken. Wenn diese Ursachen beseitigt sind, ist Lernen wieder ein Grundbedürfnis, auch im Erwachsenen.
Der Begleiter kennt und achtet die Entwicklungspotentiale der einzelnen Kinder. In seiner Verantwortung liegt die Gestaltung der Umwelt der Kinder. Er sollte alle Materialien kennen und selbst auch Neues erforschen wollen, seine Grenzen erweitern und damit auch die der Kinder. Er begreift sich als Teil der vorbereiteten Umgebung, stellt die materiellen und emotionalen Gerüste auf.
So sind also charakterliche, aber auch fachliche Kompetenz ein Erfordernis, um an einer solchen Schule tätig zu sein. Ein Erwachsener sollte seinen Beruf als eine Berufung sehen, als Chance, selbst weiter zu kommen.
Alle Begleiter sind dazu aufgerufen sich ständig weiter zu bilden. Selbstverständlich sind ihnen auch die Anforderungen der Regelschule bekannt (Rahmenpläne, Curriculum, etc.).
3.4 Bewertung
Jedes Kind hat andere Anlagen, Talente, wird sich eine andere Aufgabe in diesem Leben wählen. Jeder hat seinen eigenen Weg zu einem Sinn-erfüllten Leben. Dem Leben einen Sinn zu geben, seine Aufgabe zu finden, kann nur jeder selbst. Der verschiedenen Wege gibt es wohl so viele, wie es Menschen gibt. Wie könnte also jemand den Weg eines Anderen folgen? Und wie könnte ein Anderer ein Urteil über ein Kind fällen? Beurteilen könnte er seine Anlagen, Talente, seinen Charakter. Aber kennt er auch den Weg, der zu dem führte? Ein bewertendes Urteil über jemanden zu fällen, der sich gerade erst selbst definiert und findet, führt unweigerlich zu Leistungsdruck. Es verhindert spielerisches „Sich-selbst-finden" zugunsten von Wettbewerb. Eigene Bedürfnisse müssen so geopfert werden, spielerische Lernprozesse werden behindert oder sogar völlig unterbunden. Ein Erwachsenenmaß wird an das Kind angelegt. Eigenes Wachstum verlangt individuelles Tempo und selbst gewählte Inhalte. Das Kind weiß selbst intuitiv am besten, was es gerade am meisten benötigt. Benotungen fördern lediglich egozentrische Verhaltensweisen wie Geltungssucht, Konkurrenzdenken, etc. oder führen zu einem rein verstandesbetontem Handeln. Gefördert wird ein guter Intellekt, der jedoch nicht mehr intelligent handeln kann. Man braucht nur zu beobachten, wie viele Wissenschaftler als führende Köpfe an der Zerstörung aller Systeme beteiligt sind. Sie sind in der Rüstungsindustrie oder der Genforschung tätig. Selbstzerstörerische „Wissenschaftszweige", die nicht dem Menschen, sondern nur dem Profit einiger Weniger dienen! Dies sind nur zwei Beispiele eines überzüchteten Intellekts und eines Charakters ohne Ethik. Will die Mehrheit der Menschheit diese Dinge wirklich?
So führen Bewertungen folgerichtig zu eine von der menschlichen Natur getrennten Leistungsorientierung, ja Leistungssucht. Getan wird nicht mehr, was Sinn macht und Wert hat, sondern es zählt nur, was „machbar" ist.
Wir haben äußere Bewertungen als nachhaltige Störung der kindlichen Entwicklung begriffen. Dort, wo es Liebe und Respekt für seine Person spüren möchte, erfährt es im besten Falle Achtung für seine Fähigkeiten und sein angepaßtes Verhalten.
Wir wollen das Kind begleiten und sein natürliches Wachstum optimal fördern. Optimal jedoch nicht nach dem Bewertungsmaßstab eines Erwachsenen, sondern in dem Sinne, das Beste und Edelste in ihm zum Vorschein zu bringen. Wir wollen das Kind unterstützen, seinen Weg selbst zu erkennen und ihm die Werkzeuge in die Hand geben, diesen Weg voller Selbstbewußtsein eigenverantwortlich zu gehen.
Dabei gilt unser Interesse den sensorischen, motorischen, intellektuellen, emotionalen, sozialen und kognitiven Prozessen, die hinter dem Verhalten stehen.
„Vergleiche nie ein Kind mit einem anderen, vergleiche es immer mit sich selbst."
(Pestalozzi)
Begegnen sich Kind und Erwachsener auf einer Ebene gegenseitigen Respekts, so haben sie die Möglichkeit voneinander zu lernen, sich zu erfahren und zu verstehen.
Diese Erfahrungen sollten in Zusammenhang mit möglichst vielen Beschreibungen des kindlichen Tuns in die verbalen, ausführlichen Beobachtungsberichte eingehen.
Weiterhin fließen hier Neigungen, Talente, aber auch Charakterauffälligkeiten ein.
Diese Beobachtungsberichte sollen für jedes Kind mindestens halbjährlich angefertigt werden.
3.5. Moral, Grenzen und Recht
„Moral ist ein Konzept der dritten Ebene (der kortikalen Bewußtseinsebene), das das umfaßt, was sein sollte, und dann auftritt, wenn Menschen ihren inneren Zugang verloren haben. Auf der fühlenden Ebene des Seins gibt es keine Moral, keine Vorstellungen von Recht und Unrecht; da gibt es nur das, was ist. Gefühle sind im Gegensatz zu Moral nie Bewertungen; es sind Zustände. Moralische Grundsätze, weil sie nur so tief wie die dritte Ebene sind, müssen, um überhaupt Wirkung zu haben, immer wieder neu heraufbeschworen werden, unter Zuhilfenahme wirklicher und imaginärer Strafen, um so natürlichen Gefühlen und Impulsen entgegenzuwirken. Wenn ein Mensch seine eigenen Gefühle haben darf, verflüchtigt sich jede Moral. Gefühle sind die einzigen moralischen Prinzipien des natürlichen Menschen ....
Wenn Menschen nicht ihren Gefühlen entsprechend leben können, müssen sie sich von Kategorien „richtig/falsch" leiten lassen. Für sie muß alles Verhalten klassifiziert sein ...
Verhalten zu klassifizieren hilft uns nicht automatisch, es zu verstehen. Fühlende Menschen können anderen nicht weh tun, nicht einmal Tieren. Sie wollen nicht mehr als sie brauchen .... Wenn man den Menschen nicht geben kann, was sie brauchen, muß man ihnen Moral geben."
(Janov u. Holden)
Ich könnte dieses Zitat noch erweitern. Dort wo es an Ethik mangelt, braucht es Recht und Gesetz.
Das Verhalten eines Kindes ist immer die bestmögliche Antwort auf die Erfahrungen seines bisherigen Lebensweges. Es ist nicht von Natur aus schlecht. Es ist die bestmögliche Anpassung an äußere Konditionierung. Unreifes Verhalten gibt es also nur in der Interpretation von Außen. Die wahren Ursachen dieses Verhaltens werden nicht erkannt. Eine Bewertung ändert daran nichts. Es ist auch nicht richtig, nur das Verhalten ändern zu wollen und damit eine Anpassungsleistung des Kindes zu zerstören. Es ist dauerhafter und sicherer, die konkrete Wirklichkeit des Kindes so zu gestalten, daß es sich sicher und seinem inneren Plan gemäß entwickeln kann. So kann das Kind selbst neue Antworten und Einsichten finden.
Grenzen sind sinnvoll und hilfreich. Ein Kind braucht Grenzen um sich sicher zu fühlen. Diese Grenzen müssen aber flexibel und den jeweiligen Bedürfnissen angepaßt sein. Das was gestern noch eine Grenzerfahrung war, ist morgen schon sicheres Terrain. Grenzen setzen äußere Gegebenheiten, das Zusammenleben miteinander, der Grundsatz nicht zu verletzen, setzen Zeit und Raum.
4. Beschreibung der Lernbereiche
In unserer Schule orientieren sich die Lernbereiche an den Rahmenplänen des Landes Sachsen Anhalt.
Durch die offene und nichtdirektive Unterrichtsform und auf Grund der daraus resultierenden Lernfreiheit der Kinder läßt sich eine genaue Definition der Lernziele nicht realisieren. Sie haben eine gewisse Einheitlichkeit bei grundlegenden Inhalten, variieren bei den Kindern jedoch auf Grund der Unterschiedlichkeit der Anlagen, Talente und den daraus resultierenden individuellen Lernzielen.
4.1. Raum
Wie ich schon erwähnte, wird in den unteren Klassen unsere Arbeit nicht direktiv sein. Aber auch ab der 7. Klasse ist die Direktive anderer Art als in der Regelschule.
Wie sieht dies nun konkret aus?
Unser oberstes Ziel ist es, die Wachstumsbedürfnisse der Kinder zu befriedigen. Dazu bieten wir die geeigneten Räume an. Diese Räume sind veränderbar und werden ständig den Bedürfnissen der Kinder angepaßt. Hier finden sie alle nur erdenklichen Herausforderungen des Wachstums, sowohl künstlerisch-gestalterischer, handwerklicher oder auch didaktischer Art. Wir machen also Raum und Zeit für das Kind verfügbar, erlebbar und bieten ihm somit eine Grundlage dafür, eine direktive Fremdsteuerung zu minimieren und die Gefühle für das Innere zu erwecken und/oder zu erhalten. So kann das Kind zu einer Harmonisierung von Außen und Innen finden. Diktierte Normen, Abhängigkeiten und feste Überzeugungsstrukturen die dem Kind aufgeprägt werden sollen, führen nur zu oppositionellem Verhalten und Widerständen. Durch die Möglichkeit eigenständigen Lernens werden diese Verhaltensweisen gar nicht erst aufkommen. So kann das Kind seine ganze Energie in sein eigentliches Ziel investieren - das Lernen.
Die aufmerksamen Erwachsenen sind aufgerufen, sich beständig des Entwicklungsstandes der Kinder gewahr zu sein und die vorbereitete Umgebung entsprechend anzupassen. So stehen beständig neue Lernmöglichkeiten und Erweiterungen zur Verfügung. Regeln und Strukturen werden durch die unterschiedlichen Bereiche vorgegeben. So hat jeder Raum seine Zweckbestimmung und ermöglicht bestimmte Aktivitäten. Nur in diesem Raum sind die jeweiligen Aktivitäten, beispielsweise Malen, Zeichen und plastische Gestaltung, möglich.
Verhaltensregeln in den Räumen werden von den Erwachsenen und den Kindern gemeinschaftlich vereinbart. So lernen die Kinder Ordnung, Regeln und Struktur.
Ist das Kind im Malraum beschäftigt und möchte nun etwas anderes tun, sind erst die Arbeitsgeräte zu reinigen, die schützende Kleidung abzulegen und an seinen Platz zu hängen, und erst dann ist andersgeartete Aktivität möglich. So erfahren die Kinder die mit den Erwachsenen und anderen Kindern selbst gesetzten Grenzen und Verhaltensregeln des Zusammenlebens.
Ebenso gibt es natürlich auch Freiräume und Naturerfahrungen. Die Kinder können auch hier selbst gestalterisch tätig sein.
Auch ein Rückzugsraum für Stille, sich Einkuscheln und das Gefühl der Geborgenheit, wird vorhanden sein. Hier kann man auch einmal sein Herz ausschütten, sanfte Musik hören und neue Kräfte sammeln für neue Lernabenteuer.
Eine oder mehrere Werkstätten bieten Raum, allerlei Materialien zu erfahren, handwerkliche Techniken zu erkunden und diese zu „begreifen". Hier kann Mathematik erlebbar gemacht werden. Aber es kann auch gemalert, getöpfert, geschmiedet, gebohrt, geschliffen, gesägt, gehämmert, gefeilt, geschnitten, geklebt, gesponnen, .... werden.
Auch in der Küche können die Kinder praktische Erfahrungen sammeln. Etwas über Mengenlehre läßt sich auf diese anschauliche Art sicher leichter lernen als aus einer zweidimensionalen Lehrbuchseite.
Hier können alle Sinne erfahren werden, wird praktische Intelligenz entwickelt und dabei viel Freude erlebt.
Ein Musikraum bietet viele verschiedene Möglichkeiten an. Spielerisch wird hier Musik gemacht, und es kann das Spiel auf verschiedenen Instrumenten erlernt werden. Hier können sowohl selbst gebaute Instrumente als auch "professionell" hergestellte erfahren werden. Der Erwachsene ist als idealisierbares Vorbild anwesend und unterstützt einfach nur als Vermittler zwischen den Kindern, um gemeinsam zu musizieren. Er fördert auch besondere Talente. In einem zweiten, ruhigerem Raum, kann musikalische Perfektion geübt werden.
Räume mit didaktischem Material verschiedener Themenbereiche werden auch vorhanden sein. Diese werden natürlich nicht spielerisch verpackt sein. Aber auch diese Räume bieten die Möglichkeit, sich in eine ruhige Ecke zurückzuziehen, um beispielsweise über ein mathematisches Problem zu brüten. Sollte man hier nicht weiter kommen, ist der Erwachsene als Ansprechpartner da, um Impulse bei der Problemlösungsfindung zu geben. Dabei wird nicht die Lösung vermittelt, sondern es werden lediglich Anstöße geliefert, um das Problem doch noch selbst lösen zu können.
Auch Lesen und Schreiben kann man in solchen Räumen erlernen.
Eine Bibliothek hält eine große Auswahl an Material zum Selbststudium und zur Vertiefung des Fachwissens bereit. Auch hier wird auf eine ruhige Lernatmosphäre geachtet.
Natürlich wird es auch einen Kletter-, Spiel- und Toberaum geben. Hier wird der Gegenpol zu Ruhe und konzentriertem Selbststudium geboten. So können die Kinder ihren eigenen Rhythmus, ihren individuellen Weg von Belastung und Entspannung finden. So finden sie ihr eigenes natürliches Gleichgewicht.
Diese und noch weitere Räume bilden die vorbereitete Umgebung. Die Erwachsenen gestalten die Räume und machen sie erfahrbar.
Das Kind kennt die Räume und ihre Zweckbestimmung. Es weiß genau, was es in welchem Raum tun kann. So findet es eine wiedererkennbare Struktur.
Neben den vielen natürlichen und didaktischen Materialien, Büchern, Instrumenten, Sport-, Kletter- und Bewegungsmöglichkeiten wollen wir den Kindern auch die Möglichkeit bieten, in, mit und von der Natur zu leben. Sie sollen ihre Eigenheiten und Begrenzungen erfahren, Verantwortungsgefühl für diesen Lebensraum entwickeln lernen und mit ihm arbeiten können. In unserem Schulgarten wollen wir mit den Kindern biologische Nahrung anbauen. Im Wald wollen wir Hütten und Unterstände bauen. Mathematik kann hier wieder praktisch erfahren werden. Hier wird frische Luft geatmet, der Melodie des Waldes gelauscht und sein Duft erlebt.